Kaufen und holen

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Wenn wir damals in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren für unsere Mutter etwas zu besorgen hatte, dann schickte sie uns zum Einholen. Heute ahne ich, dass dieses merkwürdige Wort eine eher ungewollte Mischung aus den Begriffen „einkaufen“ und „etwas holen“ ist. Wobei diese Vokabeln ja nicht selten synonym benutzt werden. Man sagt ja auch: „Ich hol mir jetzt die neue Playstation“, wenn man berichten will, dass man diese Daddelkiste im Mediasaturn käuflich zu erwerben gedenkt. Mein alter Freund Konrad konnte ich (mit Recht) darüber aufregen, wenn ich vom „Holen“ sprach, wenn ich „Kaufen“ meinte. Denn beim Holen blendet man ja gerade den Tausch Geld gegen Ware aus, der sich hinter dem Begriff „Kaufen“ verbirgt, und verharmlost damit den Konsum, seine Voraussetzungen und Folgen. Holen hört sich so harmlos an, als gäbe es überall in Stadt und Land Warenausgabestellen, die man nur aufsuchen müsse, um die gewünschten Dinge abzuholen.

Wie gesagt: Mutti schickte uns Einholen. Bewaffnet mit dem Einkaufsnetz und gegebenenfalls der blechernen Milchkanne zogen wir los die Corneliusstraße hoch. Und weil man beim Alltagseinkauf sinnvollerweise beim am weitesten entfernten Geschäft anfängt, ging es los mit der Metzgerei Fenger, die im Jargon unserer Eltern „Schlachterei“ hieß. Diese Fleischerei hauste in dem Ladengeschäft kurz vor der Kirchfeldstraße, in dem nun schon seit Uhrzeiten die Pizzeria Ravenna ihren Lieferdienst betreibt. Auf dem Einkaufszettel, den die Mutter in einer kruden Mischung aus Normalschrift und Sütterlin verfasste, stand auch oft „Knoblauchwurst“, denn bei uns zuhause hatte niemand Vorurteile gegen die Stinkknolle. Heute würde man dieses Produkt wohl „Fleischwurst mit Knoblauch“ nennen. Davon kaufte man einen ganzen oder halben Ring. Als Grundstoff für ein Mittagessen, bei dem die in Portionsstücke zerlegte und im Wasser heißgemachte Wurst an Salzkartoffeln mit einer mehlschwitzigen Bechamel-Sosse getränkt wurde. Weiter ging’s mit Seifen Hauter, einer waschechten Drogerie wie es sie in den Zeiten der Dromärkte kaum noch gibt. Der enge und voll gestopfte Laden befand sich auf der rechten Seite der Corneliusstraße, stadteinwärts gesehen, in dem Lokal, das heute ein Tätowierstudie beherbergt. Dort gab es alles, was dem Putzen, Waschen und der Körperpflege sowie verschiedenen anderen chemischen Zwecke diente. Was es aber mit den Camelia-Binden auf sich hatte, die wir dort einzuholen hatten, lernte ich erst viel, viel später.

Gelegentlich mussten wir anschließend an der wüsten Kreuzung von Oberbilker Allee, Cornelius- und Morsestraße, an der sich ja zu allem Überfluss auch noch mehrere Straßenbahnlinien kreuzten, überqueren. In einem der Läden in der konkaven Ecke residierte Übersee-Kaffee, wo man ungemahlenen oder frisch vor Ort gemahlenen Bohnenkaffee erwerben konnte. Kinder bekamen bei nachweisbarer Artigkeit einen fürchterlichen Lutscher geschenkt; so ein kirschrotes Ding am grünen Stil, das aber einfach nur sehr süß und ein bisschen sauer schmeckte und Zunge und Gaumen zerkratzte. Ein Highlight war dann immer der Gang zum Milchgeschäft Nassenstein, das drei Häuser entfernt von der Corneliusstraße 118 lag, wo wir wohnten. Milch gab’s dort auch – wie man sagte – „lose“. Heißt: Die Transportverpackung war mitzubringen. In Gestalt einer verbeulten Ein-Liter-Blechkanne mit Deckel. Die Bedienung zapfte die gewünschte Menge aus einem Tank in einen gläsernen Behälter und von dort aus über einen Hahn in die Kanne. Natürlich gab es auch Milch in Flasche, die je nach Fettgehalt mit silbernen oder goldenen Stannioldeckeln verschlossen waren. Die lose Milch, nehme ich an, war die frische, unbehandelte – ich weiß es aber nicht. Tatsächlich machte meine Mutter aus diesem Kuhsaft auch etwas, was „Sauermilch“ hieß. Da ließ sie die Milch quasi absichtlich sauer werden. Dabei setzte sich Wasser ab, und es entstand eine löffelfeste Masse. Die schmeckte säuerlich und wurde im Schälchen und mit Zucker als Dessert serviert.

So viel zum Thema „Einholen“. Einkaufen gingen wir dagegen „in der Stadt“, womit die Warenhäuser und Fachgeschäfte an der Schadowstraße gemeint waren; ich kann mich nicht erinnern, dass die Eltern Kleidung und Schuhe für uns Kinder je woanders eingekauft hätten. Die Tour begann beim Karstadt an der Tonhallenstraße, führte über Karstadt und C&A schließlich zu Peek & Cloppenburg. Ich empfand eine solche Aktion immer als Tortur, besonders wenn ich es war, der bekleidet werden sollte. Heute würde man von „Shopping“ sprechen und es als Erlebnis, als Unterhaltung empfinden. Was die geballte Perversität des galoppierenden Konsumismus veranschaulicht. Dinge zu kaufen, die benötigt werden, als Event zu sehen, ist einfach nur krank. Okay, vor vierzig, fünfzig Jahren gab es eine Entsprechung zum Begriff „Shopping“, die hieß „Einkaufsbummel“ und war den eher besserverdienenden Konsumenten vorbehalten. Also, den Leuten auf der Kö. Mit dem Zeitalter der Boutiquen demokratisierte sich – zumindest für Frauen – der Einkaufsbummel, weil die Damen dann paarweise oder zu dritt und viert durch ebendiese Boutiquen, von denen ziemlich viele in der Altstadt beheimatet waren, zogen, das Angebot sichteten um dann genau das Teil zu kaufen, das geplant war. Kam es darüber hinaus zum Erwerb ungeplanter Kleidungsstücke, hieß das „Lustlauf“ – mit dem Pendant „Frustkauf“ als Zwilling. So vollzog sich der Übergang vom Kaufenmüssen zum Kaufenwollen als therapeutische Aktion.

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2 Kommentare

  1. mostertpoettchen am

    Milch holen im Milch- und Käsegeschäft auf der Jahnstraße 25 – gegenüber von Jung & Volke, wo auch mein erstes „richtiges“ Fahrrad gekauft wurde.

    Der Fleischer befand sich schräg gegenüber auf der Herzogstraße 50 gegenüber dem TV.

    Für Obst und Gemüse ging es immer zum Markt auf dem Kirchplatz.

    Brot gab es direkt zwei Häuser weiter auf der Herzogstraße beim Brotvertrieb Reinicke.

    Brötchen aus der Konditorei in der Friederich-Passage (wer kennt sie noch ?? ) Dort befand sich auch die Drogerie des Vertrauens meiner Eltern.

    Die restlichen Lebensmittel entweder aus dem Laden meiner Großeltern auf der Torfbruchstraße in Gerresheim oder aus dem kleinen Lebensmittelgeschäft auf der Jahnstraße 36 ebenfalls gegenüber dem TV.

    Für Kleidung ging meist zuerst zum DEFAKA (kennt´s noch wer ??) danach meis in das Kaufhaaus, welches sich am Graf-Adolf-Platz gegenüber des Straßenbahnhofs befand und weiter auf die Kö zu Woolworth und von dort erstmal zum Kaufhof und weiter zur Schadowstraße.