Plünnen und klötern

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Sagen wir mal so: Wer alt genug ist, sich an die hochgeistigen Stücke des Hamburger Ohnsorg-Theaters im Fernsehen erinnert, wird zumindest das Wort „Plünnen“ kennen. Der legendäre Henry Vahl hat das dabei bestimmt hundert Mal benutzt, und Heidi Kabel auch. Tatsächlich war diese Bühne in Norddeutschland für richtig echte Aufführungen in niederdeutscher Mundart weltberühmt. Aber das hätten die Menschen an den Fernsehempfängern südlich der Lüneburger Heide nicht dechiffrieren können. Daher übertrugen die Ohnsorg-Autoren die beliebtesten Schwänke in ein Hamburger Missingsch. Weil die Truppe aber in den Fünfziger- (ab 1954!) und Sechzigerjahren überaus populär auch in West- und Süddeutschland waren, hielten die Nicht-Nordisch-by-Nature-Leute dieses Missingsch für den Hamburger Dialekt. Was völliger Humbug ist. Grammatisch orientiert sich der Slang am Hochdeutschen, die Aussprache war somewhat niederdeutsch und das Ganze wurde mit Dutzenden niderdeutscher Wörter abgeschmeckt. Hinzu kam noch eine Prise Seemannslatein – zum Beispiel beim Begriff „Plünnen„.

In der „christlichen Seefahrt“ deutscher Zunge bezeichnet das Wort ursprünglich die Segel. Man sagte zum Beispiel „die Plünnen verstauen“, wenn die gerefften Zusatzsegel in ihre Kammern gestopft wurden. Dann bekam es die Bedeutung „Seemanns-Kleidung“, also tatsächlich die speziellen Kleidungsstücke, die man auf See so trug. Und damit war der Weg nicht weit zur „des Seemanns Zeug“, also das, was der Fahrensmann an Bord mit sich führte. Weil aber die Klamotten gern auch übers Verfallsdatum getragen wurden (Matrosen und Offiziere mussten sich ja die Arbeitskleidung und Uniformen selbst kaufen), pendelte die Bedeutung ins Abwertende, so in Richtung „Lumpen“. Dass „Plünnen“ aber Teil des Wortschatzes meiner Familie wurde, hat weniger mit dem Ohnsorg-Theater zu tun, weil wir erst ab 1963 Fernsehen hatten und vom Hamburger-Deern-Quatsch kaum was mitbekamen. Schuld war Tante Lisbeth, die ältere Schwester meiner Mutter.

Die war nach dem Krieg und der Flucht aus Ostdeutschland in Hamburg gelandet, wo sie den Lkw-Fahrer Friedrich B. kennen und lieben lernte. Und der war so waschecht Hamburger, dass er die Berufe seiner männlichen Vorfahren über mehr als hundert Jahre zurückverfolgen konnte, und die hatten alle irgendwie mit der Seefahrt zu tun und fanden in der Hansestadt statt. Lisbeth hatte einen Sohn mit in die Verbindung gebracht. Lothar hieß der, sein Vater war im Krieg gefallen. Leider war dieser Sohn früh an Polio erkrankt und daher so stark gehbehindert, dass er Metallschienen an den Beinen trug und an Krücken gehen musste. Gemeinsam erzeugten Friedrich, den alle immer „Fietsche“ nannten, und Lisbeth einen Sohn, den sie Volker tauften. Onkel Fietsche machte sich einen Spaß daraus, uns hamburgisch zu imprägnieren. Zumal er eh ein lustiger Vogel war, der tausend Späße kannte, Millionen Witze und diverse Zaubertricks und Zirkuskunststücke.

In den Fünfzigerjahren ist Fietsche Tag für Tag, Woche für Woche mit dem Lastkraftwagen durch Europa getourt. Er muss richtig gutes Geld verdient haben, denn er hielt sich als Privatwagen einen Mercedes! Der war schwarz wie ein Taxi, schon etwas älter und besaß einen Dieselmotor, der nagelte und stank. Aber dann bekam es Fietsche mit dem Rücken und musste runter vom Bock. Was genau er dann arbeitete, weiß ich nicht mehr. Die Familie wohnte jedenfalls in der riesigen Kellerwohnung einer prächtigen weißen Villa an der Rothenbaumchaussee in der Nähe des Bolivaparks im piekfeinen Viertel Harvestehude. Es war die Hausmeisterwohnung, und die Hauptaufgabe bestand in der Betreuung der Zentralheizung, die mit Kohle befeuert wurde. Die meisten Zimmer waren fensterlos; nur in der Stube und in der Küche gab es Fenster zu den typischen Schächten. Zu allem Überfluss stand das Haus direkt über einem U-Bahntunnel, der hier zudem auch noch in geringer Tiefe verlief. Für uns Kinder hatte die Wohnung etwas von einem Horrohaus: die Heizung stöhnte, von oben kamen die Geräusche der Villa und nachts wurde man von den Vibrationen der U-Bahn durchgeschüttelt. Und es war stockfinster in der Nacht.

Und es muss Onkel Fietsche gewesen sein, der uns Kindern mal zurief „Räumt mal eure verdammten Plünnen weg!“ nachdem wir die Stube beim Spiel mit unseren Sachen zugemüllt hatten. So kam dieses Wort zu uns. Ähnlich muss das auch mit dem Wort „klötern“ gewesen sein, das ich heute noch regelmäßig benutzte ohne viel darüber nachzudenken. Dabei stelle ich aber immer wieder fest, dass es außerhalb Norddeutschlands völlig unbekannt ist. Der Wiktionary sagt:

Bedeutungen:
[1] norddeutsch, intransitiv: als etwas Loses in etwas Hohlem ein Geräusch machen
[2] norddeutsch, intransitiv: pinkeln gehen

Aber so wurde das bei uns nicht benutzt. Vielmehr galt „klötern“ als Synonym für klappern und Krach machen: „Was klöterst du da in der Küche rum?“ heißt es. Dass man oben im Norden mit „klötern“ auch das Pinkeln gehen bezeichnetm wusste ich gar nicht. Und in der nächste Folge geht es dann um das schöne Wort „püngeln“, das aber eben überhaupt gar nicht aus dem Norddeutschen stammt.

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1 Kommentar

  1. Meene Fru is ja ein Nordlicht, und „plünnen“ gehören wie „klötern“ zu ihrem Grundwortschatz. Aber am lustigsten finde ich den Ausdruck „auf Strumpfsocken durch die Wohnung gehen“, da könnte ich mich immer bepütschern.