Der Obama-Effekt

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Als der Fortuna-Ausichtsratsvorsitzende Dr. Reinhold Ernst in seiner Eigenschaft als Versammlungsleiter der gestrigen JMV die Tagesordnung verkündete und dabei fallenließ, dass er eine persönliche Erklärung abgeben werde, ahnten es einige schon. Aber die Bombe platzte erst, nachdem die Mitglieder die Berichte des Vorstands über sich hatten ergehen lassen: Dr. Ernst verkündete gegen 20:15 seinen Rücktritt. Die Begründung zeigte mit bei der Fortuna nie gesehener Offenheit auf, wie hinter den Kulissen gemobbt wird. Bisher wurde derlei meist im Kreise der Honoratioren weggemauschelt, nun ist es klar: Man hat den gewieften Anwalt weggemobbt. Schon seinen Bericht honorierte die Versammlung mit heftigem Applaus, der sich nach seinem Rücktritt in Standing Ovations verwandelte, die dann in „Vorstand raus!“-Rufe übergingen. Da hatte die Fortuna plötzlich ihren eigenen Obama.

Der verstorbene Oberbürgermeister Erwin war Anwalt, Barrack Obama ist Anwalt, und auch Dr. Reinhold Ernst ist Anwalt. Und da muss man alle Tricks der Rhetorik, Taktik und Manipulation von Versammlung beherrschen. Denn so emotional sich der Rücktritt zeigte, so sehr muss dahinter das Kalkül des Dr. Ernst vermutet werden, die Macht im Verein zu übernehmen. Was vielleicht nicht das Schlechteste wäre für den Verein, der seit über 10 Jahren durch massive Inkompetenz in den Gremien und permanente Machtspielchen gebeutelt wird.

Die Berichte
Kommen wir zur Chronologie der turbulenten Ereignisse. Fast 500 Mitglieder (von derzeit über 4.000) hatten sich in der muffigen Aula der Heinrich-Heine-Gesamtschule eingefunden. Schon vor Beginn der Veranstaltung war die Stimmung gespannt, den nicht wenige Mitglieder erwarteten unerwartete Ereignisse. So drängten sich die Mitglieder um 19:00 im Saal, als Dr. Ernst die Versammlung eröffnete. Auch damit begann eine neue Ära – die Zeit nach Joachim Erwin. Zumindest dafür hatten die Anwesenden ein feines Gespür, denn selten zuvor haben die F95-Mitglieder ihre demokratischen Rechte so stark genutzt und damit ihre Pflicht erfüllt.
Die Berichte des Vorstandstvorsitzenden Peter Frymuth und des Finanzvorstands Werner Sesterhenn hörten sich dagegen an wie der Nachhall aus längst vergangenen Zeiten. Frymuth sonderte eine Anhäufig üblicher Worthülsen ab, das hatte ja immer funktioniert und die Versammlung ruhig gestellt. Anfangs von humoristischer Qualität war der Vortrag von Sesterhenn, der aber rasch durch den zähflüssigen Zahlenstrom ermüdete. Auch das kannten erfahrene Mitglieder und wussten, dass so verhindert werden soll, dass sich die Mitglieder zu sehr mit den Details der Finanzmisere befassen. Ganz anders dagegen der Bericht des Aufsichtsrats, den ein souveräner Dr. Ernst abgab und der sich völlig anders anhörte als das, was man aus der Ära Erwin, in der die Fortuna nur Spielball politischer Interessen war, kannte.

Als der Jurist, der seine Brötchen in der Sozietät HengelerMüller vor allem mit internationalem Wirtschaftsrecht verdient, seinen Rücktritt verkündete, machte sich Entsetzen bereit. Da hatte gerade der Mann hingeschmissen, der in wenigen Wochen und im Alleingang ein Problem gelöst hatte, an dem andere Könner über Jahre kläglich gescheitert waren. Denn während ein Michael Hahn, der sich für Teil der Fanszene hält, aber auch nur ein Intrigant ist, es nicht einmal hinbekam, einen offiziellen Termin bei der Sportwelt zu bekommen, kam Dr. Ernst schnell zum Gespräch und genau so schnell zum Abschluss. Man erinnere sich: 1999 steckte die Sportwelt gut 10 Millionen DM in die Fortuna und sicherte sich damit die Markenrechte. Das Darlehen sollte über die Nutzung derselben sowie durch Anteile an den TV-Einnahmen zurückgezahlt werden. Tatsächlich versenkte der Vorstand unter Kunsthändler Helge Achenbach die Millionen im Rekordtempo und hinterließ dem Verein einen Haufen Schulden, der bis Mitte letzten Jahres auf über 10 Millionen Euro angewachsen war. Die von Dr. Ernst ausgehandelte Einigung muss als Befreiuungsschlag gesehen werden, weil sie zwar nicht die Schulden beseitigte, aber eine Regelung enthält, die Fortuna handlungsfähig lässt.

Der Rücktritt
Alle Anwesenden, denen die Name der Akteure geläufig sind und die ein bisschen Einblick haben, waren zunächst entsetzt, als Dr. Ernst seinen Rücktritt bekanntgab. Aber dann erkannten viele rasch, wo die Kräfte zu orten sind, die ihn weggemobbt hatten. Minutenlange Rufe nach dem Rücktritt des Vorstands wurden laut, und es war der Aufsichtsratsvoritzende, der diese Wut zu dämpfen trachtete. Dabei war er selbst es, der angedeutet hatte, wie dieses Gremium mit ihm umgegangen war. Wenn er sagt, dass er zu Sponsorgesprächen nicht hinzugezogen wurde, dann kann er als eine Mobbinginstanz nur Peter Frymuth gemeint haben. Dass aber der IDR-Chef Heinrich Pröpper der wahre Gegenspieler war, dass konnte man der Presse entnehmen.
Nun ist Pröpper einer der letzten Mohikaner der Ära Erwin. Von diesem wurde er grundlos, sinnlos und obwohl Pröpper weder Mitglied ist, noch irgendeinen Bezug zur Fortuna hatte, mit Druck und Zug in den Aufsichtsrat gehievt. So sah derselbe Pröpper für sich quasi das Erbrecht, den verstorbenen Aufsichtsratsvorsitzenden zu beerben. Bei der Kampfabstimmung im Aufsichtsrat um den Vorsitz unterlag er aber mit 4 zu 5 Stimmen. Etwa entlang dieser Linie verlief daher seit dem Mai 2008 die Demarkationslinie zwischen den mehr oder weniger verfeindeten Fraktionen.

Das Misstrauenvotum
Und dann kam die große Stunde der Mitglieder. Nominell ging es um die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. Bereits im Vorfeld hatte sich herumgesprochen, dass jede Abstimmung über die Entlastung eines Gremienmitglieds die Chance ist, der jeweiligen Person das Misstrauen auszusprechen. Da die Mitglieder keinerlei Einfluss auf die Besetzung des Vorstands haben und nur Mitglieder in den Aufsichtsrat hinein-, aber erst nach drei Jahren hinauswählen können, ist dies der einzige satzungsgemäße Weg.
Und der begann mit dem Antrag auf Einzelentlastung. Die hatte Joachim Erwin seinerzeit – wohl ahnend, welches Instrumente darin zu sehen war – konsequent unterbunden. Meist dadurch, dass er den Antrag ins Mikrofon nuschelte und den überraschten Mitglieder keine Chance gab, ander richtigen Stelle die Stimmkarte zu heben. Gestern stimmte die überwältigende Mehrheit der Anwesenden für die Einzelentlastung, ein Ergebnis, dass mit großem Applaus begrüßt wurd. Auch wenn Dr. Ernst mehrmals darum bat, keine taktischen Überlegungen einfließen zu lassen: Die Mitglieder wussten, was zu tun war.
Nebenbei: Dass sich das Verhalten der Mitglieder ändert und weiter ändern wird, war leicht abzulesen. Bestanden frühere JMVs aus vier Stuhlreihen so genannter „Silberrücken“, als Honoratioren von Verein und Stand samt der üblichen Klüngelvertreter, 80 Prozent dumpfer Masse und ein paar Händevoll Aktiver, die auch schonmal Anträge zur Geschäftsordnung stellten, sah man heute Hunderte Gesichter, die man an jedem Spieltag in der Arena wiederfindet. Die Fans haben – vor allem dank der Arbeit des Supporters Club Düsseldorf (SCD) – begriffen, dass sie ihre demokratischen Rechte wahrnehmen müssen, wenn sie Einfluss auf die Zukunft des Vereins nehmen wollen. Die Silberrücken waren jedenfalls überrascht und konnten dem Verlauf nicht folgen, was dazu führte, dass weite Bereiche der ersten Stuhlreihen an Abstimmungen erst gar nicht teilnahmen. Vielleicht wird man eines Tages auf diese JMV zurückblicken und sagen, an diesem Abend hätten die Fans die Macht im Verein übernommen.

Die Erwartung bei der Entlastung war klar: Wer nicht entlastet würde, sollte zurücktreten. Dementsprechend versuchte Dr. Ernst die Entlastung von Peter Frymuth auf Erwin’sche Art durchzunuscheln. Erst anhaltende Proteste aus dem Saal brachten ihn dazu, das Procedere zu wiederholen. So erreichte Frymuth dann die Entlastung ohne Stimmenmehrheit (155:95:66), weil sich 95 Mitglieder enthielten. Sesterhenn wurde mit wenigen Gegenstimmen entlastet, genau wie der große Schweiger, Thomas Allofs. Dafür traf es Hermann Tecklenburg, den manche als den Deoroller verulken, umso mehr. Der Bauunternehmer von Niederrhein, der bereits beim KFC Uerdingen verhaltensauffällig geworden war und – obwohl schon im F95-Vorstand – seinem Dorfverein, dem SV Straelen – gegen die Zwote der Fortuna den Aufstieg ermöglichte, war nie beliebt in Kreisen der Fortuna, aber als Sponsor (vermutlich 250.000 im Jahr) willkommen. Dass hinter seinem Engagement als Sponsor möglicherweise Eigeninteressen verborgen sein könnte, wird von vielen vermutet. Schließlich mischt Tecklenburg auch im Bereich der Spielervermittlung auf die eine oder andere Weise mit. Ob den Mitglieder klar war, dass sie mit der Nichtentlastung von Tecklenburg 250.000 Euro weggemobbt haben, darf bezweifelt werden. Es war einfach der Ausdruck der Meinung, dass nur noch echte Fortunen die Geschicke des Vereins lenken sollten. Das Podium nahm die Ergebnisse äußerlich gelassen hin.
Und dann kam die Einzelentlastung des Aufsichtsrats. Alle wurde mit mehr oder weniger vielen Gegenstimmen durchgewunken. Einen traf es aber mit voller Wucht: den besagten IDR-Pröpper, den man zu Zeiten von Joachim Erwin gern als Papagei bezeichnete, weil er sprechpuppenartig seinem Chef nachredete. Er bekam keine einzige Stimme für seine Entlastung – ein schlimmeres Misstrauensvotum sist nicht vorstellbar. Nun war Herr Pröpper aus unbekannten Gründen nicht anwesend und hatte so nicht die Gelegenheit, sich als fairer Verlierer zu outen und zurückzutreten.

Die Verschiebung
Der nächste Akt bestand im Auftritt des Wahlausschusses. Nach einem kurzen Bericht kündigte WA-Vorsitzender Dietz an, dass der Aufsichtsratskandidat Georg Koch, der legendäre F95-Torhüter, eine Erklärung abgeben wolle. Schorsch trat ans Mikro und … zog seine Kandidatur zurück. Mit einem Gremium ohne Dr. Ernst wolle er nicht zusammenarbeiten, was mit großem Applaus honoriert wurde. Angeblich haben im anschließenden Trubel weitere Kandidaten zurückgezogen. Der Wahlausschuss zog die Konsequenzen und beantragte die Verschiebung der Aufsichtsratswahl auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung. Auch die Wahl der neuen WA-Mitglieder wurde verschoben.
Was dann folgte, war eine Premiere bei der Fortuna. Hans-Georg Noack, Urgestein und Ehrenpräsident des Vereins, trat ans Mikrofon. In einem flammenden Appell bat er Dr. Ernst, seine Entscheidung zu überdenken und vom Rücktritt zurückzutreten. Minutenlanger Applaus unterstützte das Eingreifen eines verdientent F95-Mitglieds.
Aber auch das konnte den Anwalt nicht umstimmen. Um Zeit für eine mögliche Erklärung zu gewinnen und das weitere Procedere zu klären, wurde die Fragestunde mit Trainer Norbert Meier und Manager Wolf Werner vorgezogen. Selten hat sich ein Vereinsangesteller mit derartiger Arroganz präsentiert wie der alte Herr Werner, was ihm auch zahlreiche Buh-Rufe eintrug. Sehr souverän dagegen das Auftreten von Trainer Meier, der sich die Fragen der 300 Trainer im Saal über sich ergehen ließ.

Der Schutz
Eine weitere historische Entscheidung ging im Trubel beinahe unter. Der SCD hatte einen Antrag auf Satzungsänderung gestellt, mit dem Name, Farben und Logo des Vereins geschützt werden sollen. Danach dürften Änderungen an den identitätsstiftenden Elementen und dem Standort des Vereins nur mit einer Vier-Fünftel-Mehrheit der Mitglieder verändert werden. Dies übrigens auch nach dem Übergang der ersten Mannschaft in die Spielbetriebs-GmbH. So könnte ein Votum von 20 Prozent der Mitglieder verhindern, dass ein Grossponsor a la Red Bull aus der glorreichen Fortuna so etwas macht wie KiKIers Düsseldorf oder die Mannschaft in blau-lila für Esprit auflaufen muss. Mit demselben Antrag wurde übrigens auch festgelegt, dass die Mehrheitsbeteiligung eines Sponsors an der Spielbetriebs-GmbH nur nach Zustimmung von mindestens 80 Prozent der Mitglieder möglich wird. Damit wurde die 50+1-Regel quasi in der Satzung des TSV Fortuna Düsseldorf von 1895 festgeschrieben.

Das Fazit
Eigentlich ging am gestrigen Abend erst die Ära Erwin zu Ende, die geprägt war von dem dauerhaften Versuch, die demokratische Mitbestimmung der Mitglieder zu behindern, um so wirtschaftliche und politische Interessen durchzusetzen. Das lässt sich am besten an der Ohrfeige für ARMitglied Pröpper ablesen. Offensichtlich haben die Mitglieder erkannt, welchen Schaden die Vereinspolitik der vergangenen sieben Jahre angerichtet haben und wollen nicht mehr, dass irgendein Mitglied der Erwinista irgendeine Rolle im Verein spielen soll. Dieser Erkenntnis haben sie Taten folgen lassen.
Natürlich erheben sich sofort Stimmen, die die Unruhe im Verein zum falschen Zeitpunkt beklagen und Image-Verluste befürchten. Dass das Image der Fortuna unter dem ewigen Vertuschen, Mauscheln und Mobben viel mehr gelitten hat, wollen diese Stimmen nicht wahrhaben. Denn was gestern passiert ist, legt im besten Fall den Grundstein für eine ganz neue Fortuna, einen Verein wie es ihn seit den siebziger Jahren nicht mehr gegeben hat: seriös, transparent, realistisch und nicht durch Fremdinteressen gebeutelt.

Dass dazu der Obama-Effekt des Dr. Ernst nötig war, also Emotion gepaart mit Kalkül, passt in die Zeit, in der Menschen wieder Vorbilder suchen, Personen zu denen sie aufschauen können und denen sie die Heilung zutrauen, ist nur eine Facette. Denn selbst wenn Dr. Ernst nicht wieder antritt, werden die Fortuna-Mitglieder nie wieder so machtlos sein wie in der Ära Erwin.

[„Obama-Effekt (c) by Raf – danke dafür!]

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4 Kommentare

  1. Ich denke mal das der Rücktritt bezwecken soll, dass der Vorstand zurücktritt. Warum sollte Ernst sonst zu diesem Zeitpunkt den Verein in ein Chaos stürzen?

    • Rainer Bartel am

      Ich sehe nicht, dass der Verein ins Chaos gestürzt wurde, denn operativ ändert sich nichts. Und die Ernst’sche Zielscheibe waren ganz eindeutig die Erwinista-Altlasten im Aufsichtsrat – allen voran die Mobbingmaschine Pröpper.

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